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Über meine Erfahrungen mit FORMWELT

von P. H.

Wie ich zu FORMWELT kam

Durch meine langjährige Freundschaft und gute Zusammenarbeit mit den Entwicklern von FORMWELT – Gitta Peyn und Ralf Peyn – kam ich bereits sehr früh in den Genuss ihrer außerordentlichen Erfindung. Vorweg: Ich habe keinen akademischen Abschluss und bin auch kein Wissenschaftler – ich bin gelernter Mediengestalter und studiere im 10. Semester Kommunikationsdesign. Mit meinen Fachkenntnissen unterstütze ich Gitta und Ralf bereits seit über zehn Jahren und das sehr gerne, denn ich war immer überzeugt von der Bedeutung ihrer Arbeit, ihren Zielen und ihrer Integrität.

Nun kam Gitta vor zwei Jahren auf mich zu mit der Bitte, eine erste kleine Broschüre für FORMWELT zu entwerfen, die sich an Sponsoren richten sollte. Ich war, nach anfänglicher Skepsis, hin und weg von dem, was die beiden da über Jahrzehnte aufgebaut haben. Doch welch großen Einfluss diese mir noch unbekannte Welt auf mein Denken und Handeln haben wird, konnte ich damals natürlich noch nicht erahnen. In diesem Artikel möchte ich gerne darüber berichten.

Wie ich denke und wahrnehme

Zunächst einmal möchte ich auf einige kognitive Beeinträchtigungen hinweisen, die mein Leben und damit auch meine Arbeit mit FORMWELT sicherlich entscheidend geprägt haben. Man könnte diese Probleme unter Begriffen wie ‚Asperger Syndrom‘ oder ‚exekutive Dysfunktion‘ subsumieren – doch sei hier angemerkt, dass ich mich nie habe diagnostizieren lassen und sie lediglich als Arbeitshypothesen meiner Selbstreflexion akzeptiere (ich identifiziere mich generell nicht mit meinen Problemen).
Meine Sprachverarbeitung ist (vor allem unter Stressbedingungen) sehr langsam; zu sprechen fühlt sich für mich nicht selten so an, als müsste ich ein ganzes Universum durch einen Trichter pressen, um es dem linearen Kanal der Sprachübermittlung anzupassen. Ich habe Schwierigkeiten damit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, denn die hohe Konnektivität meines Denkens und das Versagen meiner Wahrnehmungsfilter aufgrund erhöhter Sensibilität verlangsamen meine Selektionsmechanismen.

Abstrakt-synthetische Begriffe wie etwa ‚Freiheit‘, ‚Sinn‘, ‚Persönlichkeit‘ oder ‚Selbst­bewusstsein‘ waren für mich bisher oft schwer zu begreifen. Anscheinend verbindet jeder mit ihnen ganz unterschiedliche Vorstellungen oder projiziert gar seine persönlichen Gefühle und Wertesysteme dort mit hinein. Sie verschwimmen in nebulöse, unklare Formen; es ist, als ob ich durch eine Wolke greife und mich bei diesem Versuch bloß nass mache. Für mich waren solche Begriffe bisher immer „bodenlos“, denn mein visuell-räumliches (oder wie ich es inzwischen als treffender empfinde: „diagrammatisches“) Denken verlangt nach konkreten sinnlichen Bezügen. FORMWELT stellt für mich diesen konkreteren, bedeutungsvolleren Zusammenhang her, indem es sich an der eigenen sinnlichen Erfahrungswelt ausrichtet. Ich weiß also, was ein Begriff für mich bedeutet, weil ich ihn regelrecht „anfassen“ kann.

Seit meiner Jugend wurde mir immer mehr bewusst, wie absurd die Dinge oft sind, über die Menschen sich streiten. Die meisten Streitereien schienen mir eher auf sprachlichen Missverständnissen als auf tatsächlichen Meinungsverschiedenheiten zu beruhen. Ich habe mich immer darüber gewundert, dass die Leute lieber weiter die Grenzen ihrer semantischen Territorien verschärfen, anstatt sich um Klärung über ihr eigentliches Meinen zu bemühen.
Für mich persönlich habe ich dieses Problem zu umschiffen versucht, indem ich meine Sätze so präzise, ausführlich und klar – kurz gesagt: so unmissverständlich wie möglich versucht habe, zu formulieren. Das machte mich zwar sehr langsam und war in den meisten Fällen auch vollkommen unnötig, aber es hat mir bis heute (vermutlich) viel Ärger, Zeit und Nerven erspart. Dass meine sozialen Ängste und mein zwanghafter Perfektionismus hier ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt haben mögen, relativiert diese Feststellung nicht, da es sich hier eher um wechselseitig bedingte Kausalitäten handelt: Meine Angst ist Ursache und Wirkung der erhöhten Sensibilität meiner Wahrnehmung. Diese formt dabei ein dichtes Netz aus multikausalen Erwartungsstrukturen, deren komplexe soziale Implikationen (in Verbindung mit meiner Selektions­schwäche) wiederum meinen perfektionistischen Hang erklären.

Meine Arbeit mit FORMWELT

Es verwundert also nicht, dass sich FORMWELT für mich zu einer großen Leidenschaft entwickelt hat und ich von Anfang an in die tiefsten Referenzstrukturen des Kernels vordringen wollte, um auch jeden Rest Missverständlichkeit noch aus meinen Begriffen auszutreiben. In der Tat hat sich das erste Modul des Kernels, das sich mit Struktur befasst, schnell zu meinem Lieblingsmodul entwickelt, und dies ist auch der Tatsache zu verdanken, dass ich für mein diagrammatisches Denken hier den natürlichsten Zugang gefunden habe. Die grundlegenden Funktionsweisen und Organisationsprinzipien meiner Wahrnehmung zu erforschen, hat mir immer großen Spaß gemacht und da ich ebenfalls in den letzten Jahren ein leidenschaftliches Interesse an Mathematik und kreativem Programmieren („creative coding“) entwickelt habe, hat auch dieser Aspekt von FORMWELT in mir stark resoniert.

Dieser strukturaffine Zugang spiegelt sich auch in meiner Arbeit mit den Referenzen wieder: Um eine Referenz in ihrer Satzaussage bzw. Relationalität zu begreifen, muss ich sie mir zunächst diagrammatisch vorstellen. Erst dann kann ich die Injunktion auf einen konkreten Fall anwenden. Beides ist für mich nötig, um sie vollständig zu verstehen. Diese abstrakte Vorstellung ist für mich ebenfalls bereits eine injunktive Realisierung der Referenz, aber als Schnittmenge bzw. Schema/Platzhalter für alle möglichen Sachverhalte, die ihr entsprechen könnten. Dieses Schema ist eine Art visuelle Übersetzung der Referenzstruktur in die Sprache meiner Gedanken, durch die sie für mich erst be-greifbar wird.

Zunächst musste ich allerdings lernen, meine Erwartungen und mein bereits zu spezifisches Wissen (insbesondere zu mathematischen Begriffen) zu unterdrücken, denn diese standen mir bei meinen Referenzerkundungen nicht selten im Weg. FORMWELT-Referenzen sind in der Regel sehr viel offener und essenzieller – sie schließen zwar die fachlich-spezifische Bedeutung mit ein, doch man muss diese Brille absetzen, um wirklich zu verstehen, was eine Referenz im Kern und in ihrer Extension bedeutet. Doch dann eröffnet sich einem ein sehr viel reicheres Universum an kreativen Möglichkeiten, einen Begriff zu verwenden, ohne ihn durch semantische Unschärfe zu verwässern (so wie etwa der Begriff ‚Entropie‘ oft fälschlicherweise als Synonym für Unordnung verwendet wird).

Nicht selten kommt es beim Lernen einer Referenz vor, dass ich mich in Details der Tiefenstruktur des Referenzbaumes oder der Semantik verliere und mir dabei bei meinen Interpretationsversuchen selbst im Weg stehe. Ich kann dann stundenlang Diagramme zeichnen und Hypothesen bilden über das, was ich da lese, und komme am Ende doch immer wieder an meinen Ausgangspunkt zurück. Der Grund liegt häufig darin, dass ich meine Interpretation präzisieren möchte und mir dabei der intuitive Zugang verloren geht. Im sorgfältigen Sezieren der Referenzstruktur übersehe ich manchmal das Offensichtliche oder den sprichwörtlichen „Wald vor lauter Bäumen“. Auch das ist ein typisches Merkmal meines Denkens – dieser ‚Hyperfokus‘ lässt sich jedoch meistens durch etwas Abstand und frische Luft nach einiger Zeit wieder lösen. In der Regel führt die intensive Beschäftigung mit einzelnen Referenzen für mich aber eher zur Wahrnehmung immer neuer, faszinierender Facetten, die mir vorher entgangen sind.

Obwohl FORMWELT ein streng formales Sprachsystem ist, habe ich es nicht als einschränkend empfunden, sondern im Gegenteil als befreiend. Erst, wenn ich meine Begriffe genau kenne, kann ich mich dem kreativen Spiel der Sprache wirklich hingeben und es gut spielen. Darum ist Mathematik auch (entgegen ihrem Ruf, den sie wohl hauptsächlich der rigiden Schulmathematik zu verdanken hat) eine außerordentlich kreative Disziplin. Sie beruht auf einem Satz klar definierter Zeichen und strengen Regeln zu ihrer Umformung; wer diese beherrscht, kann innerhalb ihrer axiomatischen Grenzen ganze Welten erschaffen (was wir u. a. in Büchern wie „Flatland“ von Edwin A. Abbott erahnen und spätestens seit der Erfindung des Computers ganz konkret erfahren konnten).

FORMWELT und Klarheit

Ein schöner Nebeneffekt meiner Arbeit mit FORMWELT ist, dass ich über die Referenzarbeit auch eine außergewöhnliche Lernbegeisterung entwickelt habe. Ich hatte zwar als Autodidakt schon immer Spaß am selbstständigen Lernen, doch hat FORMWELT für mich diesen Effekt nochmal um einiges verstärkt. Somit habe ich während der letzten zwei Jahre Unmengen an Büchern zu den komplexesten (meist wissenschaftlichen) Themen wie Semiotik, Logik/Mathematik, Linguistik, Psychologie und Philosophie studiert. Ich war zwar auch neugierig darauf, wie sich die von mir gelernten Referenzen im wissenschaftlichen Kontext bewähren und ob es da Unterschiede gibt. Doch am wichtigsten war mir, zu verstehen, wie FORMWELT auf seinen verschiedenen Ebenen funktioniert und was es dabei mit uns macht. Ich war wie ein Forscher unterwegs auf den Spuren von Sprache, Zeichenprozessen, Psyche und Kognition und mir hat diese Reise bisher viel Spaß und Erkenntnisse erbracht.

Währenddessen ist mir deutlich geworden, dass es für mich ganz essenziell um einen bestimmten Aspekt geht, den Gitta in den letzten Jahren selbst immer wieder betonte: Klarheit. Seit meiner Jugend habe ich irgendwie immer intuitiv erahnt, was Menschen anrichten können, die sich nicht am Tatsächlichen orientieren, die ihren Gefühlen einen höheren Stellenwert einräumen als der Wahrheit. Unsere Alltagssprache ist durchsetzt mit den vielfältigsten Möglichkeiten, unser Gegenüber und sogar uns selbst zu täuschen und zu manipulieren. Umberto Eco beschrieb seine Theorie der Zeichen als eine Theorie, die alles untersucht, was man zum Lügen verwenden kann. Doch Lügen ist natürlich nicht grundsätzlich falsch – unsere Gesellschaft wäre ohne die Fähigkeit zu lügen wohl nicht überlebensfähig. Für viel gefährlicher als die Lüge halte ich den Bullshit. Ihn interessiert die Wahrheit nicht, er will nur seine eigenen Geltungsansprüche durchsetzen. FORMWELT schärft das Denken und gibt uns den reinen, essenziellen Begriff zurück, der unter den vielen Schichten kultureller Konnotations- und Transformationsebenen verloren gegangen ist. Wir müssen keine semantischen Territorien mehr bis aufs Blut verteidigen, sondern können auf einer gemeinsamen Basis unser spezifisches Meinen einander erklären – und jeder, der mit FORMWELT arbeitet, kann es dann für sich selbst ebenfalls erfahren.

Für mich ist es inzwischen (wahrscheinlich hauptsächlich durch den Einfluss von FORMWELT) zur Gewohnheit geworden, einen Begriff, den ich nicht gründlich verstehe, auch nicht zu verwenden. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, was man meint. Und es macht selbstbewusster – denn ich weiß, dass meine Begriffe/Konzepte das Ergebnis meiner eigenen Denkarbeit sind; dass sie auf einem soliden Fundament stehen, das nicht selbst FORMWELT ist, sondern das konzeptualisierte Ergebnis meiner eigenen Sinneserfahrung. Ich glaube, dass dies der ursprünglichen Art am nächsten kommt, wie wir als Kinder durch die Interaktion mit unserer Umwelt unsere ersten Konzepte geformt haben, auf denen meiner Ansicht nach unsere Sprache beruht.


Zusammenfassend kann ich sagen, dass FORMWELT mir geholfen hat:

  • mich sprachlich klarer, präziser und kreativer auszudrücken,
  • einfacher und effizienter zu denken und Probleme zu lösen,
  • Begriffe zu verstehen, die meinem Denken bisher unzugänglich waren,
  • meine Denkprozesse und Sprachverarbeitung besser zu verstehen,
  • einen leichteren Zugang zu komplexen Themen zu bekommen,
  • selbstständiger zu denken und selbstbewusster zu kommunizieren.



Ich möchte mich hiermit noch einmal herzlich bei Gitta und Ralf für ihre wundervolle Arbeit bedanken, die mich in den letzten beiden Jahren so sehr beschäftigt und positiv verändert hat. Für mich steht außer Frage, dass FORMWELT auch vielen anderen Menschen dabei helfen kann, klarer und selbstständiger zu denken. Und ich freue mich, weiterhin meinen kleinen Teil dazu beitragen zu können.

PS: Dieser Artikel besteht geschätzt zu etwa 50 % aus in FORMWELT referenzierten und mir bekannten Begriffen oder Synonymen oder Begriffen mit für mich ähnlicher Bedeutung.

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